Wie im Himmel, so auf Erden

 

Das Leben der ersten Gemeinde

 

3000 Menschen. Die flammende Pfingstpredigt des Petrus hat die Menschen in Jerusalem ins Herz getroffen. Sie spüren am eigenen Leib, dass da etwas dran ist an den Berichten dieser Truppe, deren Rabbi vor einigen Wochen gekreuzigt worden war. In einer klaren, linearen Ansprache an die Menge gibt Petrus Zeugnis vom Leben Jesu, von der Auferstehung, vom Geschenk des Heiligen Geistes, vom Eintreffen der Prophezeiungen Davids. Vielen der Anwesenden wird das Evangelium klar. Und als sie die Apostel fragen: „Ihr Brüder, was sollen wir tun?“, da sagt Petrus: „Ändert euch. Lasst euch taufen!“ Wer konnte denn ahnen, dass gleich 3000 Menschen zur Gemeinde hinzukommen?

 

Abgesehen davon, dass das die Apostel zunächst vor ein massives organisatorisches Problem gestellt haben muss, sind die Berichte über das Leben der jungen Gemeinde der Wahnsinn:

„Die Menschen, die zum Glauben gekommen waren, trafen sich regelmäßig. Sie ließen sich von den Aposteln unterweisen, pflegten ihre Gemeinschaft, brachen das Brot und beteten. Die Menschen in Jerusalem wurden von Furcht ergriffen. Denn durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen. Alle Glaubenden hielten zusammen und verfügten gemeinsam über ihren Besitz. Immer wieder verkauften sie Grundstücke oder sonstiges Eigentum. Sie verteilten den Erlös an alle Bedürftigen, je nachdem, wie viel jemand brauchte. Tag für Tag versammelten sie sich als Gemeinschaft im Tempel. In den Häusern hielten sie die Feier des Brotbrechens und teilten das Mahl voll Freude und in aufrichtiger Herzlichkeit. Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt. Der Herr ließ täglich weitere Menschen zur Gemeinde hinzukommen, die gerettet werden sollten.“

Apg. 2,42-47

Meine Güte! „Ihr alten Streber!“, möchte man der ersten Gemeinde entgegenrufen. Alles so perfekt! Ein Leben wie im Himmel. Die erste Gemeinde ist so solidarisch, so gut, so treu, so fest im Glauben, dass sich – zumindest bei mir –  im ersten Moment Ablehnung und ein Gefühl des Genervtseins einstellt. Nach kurzer Suche stelle ich fest: Es ist Neid. Neid, weil bei ihnen alles so glänzend gut scheint. Neid, weil es bei uns oft so anders ist.

 

Diese Friede-Freude-Eierkuchen-Gemeinde ist so weit weg von den Gemeinden, die ich kenne. In der ersten Gemeinde Jerusalems menschelt nichts. Alle der über dreitausend Gemeindeglieder scheinen sich sowas von eins zu sein. Es fällt ihnen leicht, ihre Freizeit allergrößtenteils nur im Kreis der Gemeindeglieder zu verbringen. Alle scheinen sich zu mögen, großzügig und selbstlos füreinander einzutreten und sich gegenseitig unermüdlich im Glauben zu stärken. Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein.

 

Aber ist das Leben der Gemeinde denn eine Illusion? Augenwischerei und Einschleimen? Nein. Man kann sich durch Taten nicht bei Gott beliebt machen. Es gibt keinen besseren und schlechteren Glauben. Und darum geht es den Christen in Jerusalem auch gar nicht, absolut nicht. Es geht ihnen einzig und allein um Gott. Als eine innige Gemeinschaft durch den Heiligen Geist leben sie so, wie es Lukas im betreffenden Text beschreibt: Fürsorglich füreinander, mit Achtung, Einsatz und Mitgefühl für die Schwächsten der Gesellschaft, respektvoll zueinander. Beharrlich im Glauben. Wenn das bei uns doch auch so wäre.

 

 

Auch bei uns heute kann es so sein. Auch bei uns heute ist es schon so. All das ist möglich.

 

Der wichtigste Schritt dabei ist, das Evangelium anzunehmen. Mit all seinen Ecken und Kanten. Gottes Liebe, Sorge und Gnade gilt für uns alle. Wir dürfen vor ihm ehrlich so sein, wie wir sind. Und wenn wir uns ihm öffnen, seinen Geist annehmen, dann verändert das uns und wir sehen die Welt durch Gottes Augen. Sehen unsere Mitmenschen als das, was sie sind, als Brüder und Schwestern. Manchmal anstrengend, manchmal uns fremd –  aber dennoch Geschwister. Das bedeutet Verbundenheit, Fürsorge, Teilen, und zwar nicht nur Geld und Essen, sondern auch Brot und Wein und damit die Zusage Gottes an uns Menschen. Denn auch die ersten Christen Jerusalems waren nicht nur eins mit den Menschen, sondern auch eins mit Gott. Täglich beten sie gemeinsam im Tempel, loben Gott und hören regelmäßig die Predigt der Apostel.

 

Lasst uns Mut haben. Mut, Gott anzunehmen und seinen Geist, seinen Segen in uns aufzunehmen. Sein Ja zu uns Menschelnden. Und lasst uns Mut haben, ehrlich dementsprechend zu handeln. Der Bericht über die erste Gemeinde scheint ein polierter Traum zu sein. Doch dieser Traum ist wahr und immer noch möglich. „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“

Amen.

 

Benedikt Wittenberg